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Ich journale, also bin ich?

Ohren und Bleistifte gespitzt? Was nun folgt, ist ein leidenschaftliches Plädoyer für selbstreflexives Schreiben als begleitendes Tool im Coachingprozess. Warum das Führen eines Tagebuchs als persönliches „Logbuch“ deine Entwicklung unterstützt und welche Magie im geschriebenen Wort steckt, das verrate ich euch hier.


 

Liebesbrief an das geschriebene Wort

Wer sich heutzutage durch diverse Selbstfindungsliteratur wühlt und einigermaßen firm ist im Podcast-Game, dem drängt sich neben "Residenz" und "Achtsamkeit" ein Wort auf: Journaling. Yay! Klingt hipp, ist es irgendwie auch, aber letztlich handelt es sich dabei nur um eine alte Kunstform, die schon Oma Hilde vor hundert Jahren des Abends bei Kerzenschein im Nachthemd praktizierte.

Im "Journal" halten wir fest, was uns bewegt. Das kann in einem frei assoziativen Setting vonstatten gehen. Heißt: Ich leere meinen Kopf, bevor ich mich in die Horizontale begebe und lasse meine Gedanken außerhalb der Bettkante zurück, damit sie während der Nacht keinen Unsinn anstellen. Kurzum: Ein Klassiker der Verhaltenstherapie im Sinne einer gesunden Schlafhygiene und vermutlich der Weg, den auch Oma Hilde ging.


Heute hat eine regelmäßige Schreibroutine neben dem "reinigenden" Charakter auch eine strategische Funktion, in dem es bewusst zur angeleiteten, kritischen Selbstreflexion anregt. Es gibt mittlerweile dutzende Anbieter, die Journal-Vordrucke (à la 6-Minuten-Tagebuch) und genormte Fragen zur täglichen Selbstanalyse anbieten.


Beide Wege sind auf ihre Weise super, denn durch die regelmäßige Beschäftigung mit unserem Innenleben gehen wir eine bewusste Verbindung mit uns selbst ein. Verbindungen find ich als Systemikerin von Haus aus super, denn sie geben Struktur, Halt und letztlich auch Klarheit.


Schreiben ist ein Date mit dir selbst


Ob wertiges Hardcover-Buch, Klebezettelromantik oder GoogleDoc wie du deine Gedanken zu Papier bringst, ist gar nicht so wichtig. Es ist dein Date. Lebe es so, wie es dir entspricht. Du entscheidest, welches Medium es braucht, um dich langfristig zur Beschäftigung mit dir selbst zu motivieren.

Etwas aufzuschreiben heißt vor allem, sich selbst ernstzunehmen, mit allen Gefühlen, Bedürfnissen und Zielen. Indem ich etwas zu Papier bringe, werden meine Gedanken real und meine Vorhaben greifbar.

Meine persönliche Überzeugung: Handschrift is king! Was vom Kopf erst in die Hände wandert und dann in Papierform vor mir liegt, berührt mich mehr als schnell dahingetippte Zeilen. Beim Nachdenken, Reflektieren und haptischen Aufschreiben werden versteckte Glaubenssätze aus der Meta-Ebene deines Gehirns hervorgeholt. Motivatoren, mögliche Blocker oder Erfolgsverhinderer kommen nun ins Bewusstsein und erhalten Sichtbarkeit.

Pro-Tipp: Lies das Geschriebene hin und wieder laut vor und achte darauf, wie dein Körper reagiert.

Spannend: Wenn du dir die Aufzeichnungen retrospektiv nochmals zur Hand nimmst, werden häufige Denk- und Verhaltensmuster sichtbar und damit auch lösbar. Schau dir deine Aufzeichnungen nach einiger Zeit erneut an und frage dich:

  • Welche Worte findest du für dich selbst?

  • Wie sprichst du über andere?

  • Wofür bist du dankbar?

  • Siehst und feierst du deine Erfolge?

  • Was machen Misserfolge mit dir?

Schreiben ist nicht nur ein Date, sondern auch ein Deal zwischen dir und dir. Du allein entscheidest, ob du am Ball bleibst. Ihr merkt schon, hier manövrieren wir uns zielsicher in den Bereich der Eigenverantwortung. Meine Erfahrung: Wer seine Ziele nur widerwillig schriftlich festhält, spürt insgeheim Widerstände dagegen. An dem Punkt wird es spannend, weil unser Körper so zeigen will, dass er entweder noch Ängste hat (die lassen sich im Coaching gemeinsam angehen) oder die geplante Richtung schlichtweg die falsche ist. Beide Erkenntnisse sind wertvoll und bestimmen den weiteren Prozess.


Diese Vorteile bietet dir regelmäßiges Schreiben


Im Coaching und auch privat erlebe ich das selbstreflexive Schreiben als geniales Tool zur inneren Einkehr. Bunte Ideen haben meine Klient:innen meistens zuhauf. Wenn wir diese Ziele und Visionen nun aufschreiben (und idealerweise noch mit Zeithorizont versehen), umgehen wir ein häufiges Problem: Es werden verbale Luftschlösser gebaut, die vom nächsten Windhauch davongetragen werden. Aber lassen wir die seichte Poesie und kommen zu den harten Fakten.


1. Schreiben hält deine Entwicklung fest

Es gibt Tage, da fühlt man sich schlichtweg nicht erfolgreich. Andere sind scheinbar weiter, erfolgreicher, glücklicher die Liste könnten wir jetzt endlos fortführen und doch wird dieser Vergleich zu nichts Gutem führen. Frag dich besser:

  • Welche Meilensteine hast du schon erreicht?

  • Welche Stolpersteine hast du aus dem Weg geräumt?

  • Wie war der Weg, den du bisher zurückgelegt hast?

Beispiel: Du bist jetzt Anfang 30, Single, pleite, hast Ethnologie studiert und die Arbeitswelt reißt sich nicht gerade um dich? Aber vielleicht bist du die erste und einzige aus der Familie, die Abitur gemacht und ein Studium erfolgreich absolviert hat? Halte dir das vor Augen, mit welchen Skills du all das gemeistert hast und schau, wie du diese Ressourcen künftig gewinnbringend nutzen kannst.

2. Schreiben hilft gegen Angst und Sorgen

Wenn du deine Entwicklung retrospektiv verfolgst, gewisse Muster erkennst und einordnen kannst, setzen sich Puzzleteile im Kopf zusammen und Fragezeichen weichen. Getreu dem Motto "Was ich verstehe, muss ich nicht mehr fürchten" gibt das unglaublich viel Sicherheit. Sorge dafür, dass du dein Innenleben in einem sinnvollen Maße explorierst und lose Fadenenden zusammenbringen kannst. Sobald alles Sinn ergibt, tritt automatisch Entspannung im gesamten Organismus ein.

3. Schreiben hilft dir dabei, Entscheidungen zu treffen

Du musst eine Entscheidung treffen, fühlst dich dazu aber nicht in der Lage? Wie hast du früher solche Entscheidungen getroffen? Vielleicht gibt dein Journal dazu Auskunft. Klappt nicht? Okay. Versuch einmal, dein Emotionen weitestgehend auszublenden und schreib dein Problem ganz faktisch auf: Beschreibe a) die problematische Ausgangslage und b) den idealen Zielzustand. Jetzt steht schon einmal der Rahmen. Welche Wege gibt es nun, um dorthin zu kommen? Halte alle Möglichkeiten, auch die scheinbar "dummen" oder unrealistischen Varianten fest, und arbeite dich schrittweise vor. Und zwar so lange, bis eine machbare Lösung entsteht. Diese muss nicht immer gleich perfekt sein, aber dir zumindest den größten Druck nehmen und wieder Handlungsfähigkeit verleihen. Einen separaten Beitrag zum Treffen von Entscheidungen findest du bald hier im Blog.



Lasst uns mal über "Erfolg" reden

Vor einiger Zeit saß ich in einem Auswahlgespräch für eine Stelle im Personalbereich. Einer der Gesprächspartner warnte mich vor, er würde gleich eine etwas provakante Frage stellen, ich möge sie bitte nicht persönlich nehmen.

„Warum bist du eigentlich noch nicht weiter in deinem Leben?“

Junge, Junge, dachte ich mir. Ist Fortschritt immer das, was man objektiv sieht? Ist Erfolg das, was präsent und öffentlichkeitstauglich in der Vita steht? Sicher, die Frage war eine Stressfrage. Ich habe das Gespräch trotzdem später zum Anlass für eine Selbstreflexion genommen und für mich ganz persönlich festgestellt: Da, wo ich gerade bin, soll ich auch sein. Das heißt nicht, dass ich keine Pläne für morgen oder übermorgen haben. Nur dieses ständige "höher, weiter, schneller", seien wir ehrlich: Braucht es das wirklich?

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